Wenn ein Mensch für immer fortgeht aus diesem Leben, an dem wir alle so hängen, das wir alle so sehr im Griff zu haben glauben, dann bleibt vieles von ihm zurück: Fotos, ein paar Kleidungsstücke, ein Spaten, ein Rechen, ein Moped, vertraute Gegenstände ...
Es ist, als ob er noch hier wäre, wenn man die Dinge betrachtet, die er mit Leben erfüllte. Da kann sogar ein leeres Paar Schuhe, in die nie mehr die dazugehörigen Füße schlüpfen werden, unendlichen Schmerz bereiten.-
Bedrückende Gefühle haben wir heute wohl alle mit hierhergebracht. Zum einen das Gefühl: "Der Tod brachte die Erlösung - nun hat sie alles überstanden." Daneben aber auch das Gefühl der eigenen Ohnmacht. "Konnten wir wirklich nicht mehr für sie tun?" Und bei allem immer das Gefühl des Verlusts: "Da fehlt jetzt jemand!"
Da fehlt eine liebenswürdige Person, die bei den Mitmenschen wegen ihrer ehrlichen, reschen, zupackenden Art geschätzt und beliebt war, deren Lebensmittelpunkt immer ihre 2 Kinder und später deren Familien war, der absolut nichts in ihrem langen Leben geschenkt wurde, die bei der Verlosung des Lebensglücks immer in der letzten Reihe stand …
Als ich vergangene Woche vom Ableben von Hilda erfuhr, war ich betroffen, bedrückt, konsterniert; man kommt sich in einem solchen Augenblick direkt fremd vor und die Gedanken irren wirr durcheinander.
Vor mich hinstarrend tauchte in der Erinnerung das Gesicht von Hilda auf:
Ich sah sie vor mir,
wie wir uns Anfang der 70er Jahre in der Hauptschule Puchenau anlässlich eines Elternsprechtags persönlich kennen lernten… Am Schluss sagte sie: „Najo, auf guate Nachbarschaft!“ – weil sie erfahren hatte, dass ich demnächst auch Mursberger werden würde …
Ich sah sie vor mir, wie ich als Jungspund, der vom Hausbau noch nicht viel Ahnung hatte, händisch mit dem Spaten die Grundfesten für unser Haus aushob, Ziegel mit der Scheibtruhe auf die Betondecke beförderte oder an der Mischmaschine stand. Dann und wann flitzte Hilda mit ihrem Moped vorbei. Schon von weitem schleuderte sie mir unüberhörbar einen freundlichen Gruß entgegen, setzte dabei ihr schelmisches Lächeln auf und feuerte mich – indem sie eine Hand vom Lenker nahm - mit erhobener Hand gestenreich an …
Und ich sah sie vor mir, wie sie Jahre später jede Woche in unser Haus kam, um uns bei der Wohnungsreinigung zu helfen. Da entwickelten sich oftmals heftige Diskussionen, da ging es oftmals ganz schön emotionsgeladen zur Sache.
Ich sah sie im Geiste vor mir, wie wir uns im Laufe der Jahre immer wieder bei Veranstaltungen der ARGE Mursberg trafen, bei lustigen Fischbratereien unseres Nachbarn Doppelhammer oder bei der Einweihung des neuen Marterls beim Panholzer, wo sie dem dabei anwesenden St. Gottharder Pfarrer Hermann Scheinecker mit schelmischem Blick und verschmitztem Lachen theatralisch und bis ins letzte Detail erzählte, wie es in früheren Zeiten am berühmten Mursberg zugegangen sei – und warum dieser deswegen auch „Oaberg“ genannt wurde - … Ja, da war die Hilda in ihrem Element, wenn sich die Leute ob ihrer lustigen Gschichtln vor Lachen verbogen.
Dass sich die Hilda dann und wann kein Blatt vor den Mund nahm und manches „frisch aussa drosch, wia´s drin war“ war einzig und allein der Tatsache geschuldet, dass sie sich gegenüber manchen, die sich aus unerklärlichen Gründen für etwas Besseres hielten, die sie scheel anschauten oder geringschätzig behandelten, einfach wehren musste, um ihr eigenes Gesicht nicht zu verlieren.
Ich sah´ Hilda im Geiste vor mir, wie sie mir einmal erklärte, dass sie beim Straßenbau am liebsten mit dem Burgerl, einem Gemeinde-Außendienstmitarbeiter, der Linkshänder war, zusammen-arbeitete. Das wäre beim händischen Betonmischen ein riesiger Vorteil gewesen: sie als Rechtshänder und der Burgerl als Linkshänder … da ging was weiter …
Und ich sah sie vor mir, wie sie dann und wann mit ihrem Moped eine meiner älteren Nachbarinnen besuchte und ihnen dabei das Wertvollste schenkte, was es gibt: Zeit - und das Gefühl, nicht vergessen zu sein.
Wie im Zeitraffer zog Bild um Bild in meiner Erinnerung vorbei.-
Hilda war eine, die das Herz am rechten Fleck hatte, ein grader Michl; sie war unerschütterlich in ihrem Willen, nur für ihre Familie da. Wenngleich sie manchmal etwas polterte - die meisten wissen, dass sie einen ganz weichen Kern hatte.
Hilda´s Lebensmotto kann nur „Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner!“ geheißen haben.– Hilfe brauchte sie sich von niemandem erwarten.
Nun müssen wir um sie trauern. Ihr Leben war noch nicht vollendet - aber es war ein mehr als erfülltes Leben. Erfüllt - nicht mit Selbstgenuss, mit den kleinen Freuden des Lebens, erfüllt aber vor allem mit lebenslanger harter Arbeit.
Liebe Elfriede, Gabi, lieber Hans, Peter, liebe Enkerl von Hilda! Liebe Verwandte und Freunde, liebe trauernde Hinterbliebene!
Wir nehmen in dieser Stunde der Trauer Abschied von einem großartigen Menschen!
Viele die unserer Hilda freundschaftlich verbunden waren, und sie bis in die letzten Tage ihres arbeitsreichen Lebens begleiteten - haben wie sie selbst - die Vollendung ihres irdischen Lebens erwartet und waren doch zutiefst erschüttert, als am Sonntag vor einer Woche bekannt wurde, dass unsere - ihre – Rammerstorfer – Gruber - Hilda - verstorben ist.
Aber wie heißt es: "Es hat alles seine Zeit und alles Tun auf dieser Erde seine Stunde: Jetzt ist die Zeit der Trauer, des Abschiednehmens und des Weinens, und es ist die Zeit des Erinnerns und des Dankens. Wir sind hierhergekommen, um uns von unserer Hilda äußerlich zu trennen, damit sie in uns weiterleben kann.
Wir können u. sollen unserer Verstorbenen daher einen neuen Platz in unserem Leben zuweisen: einen Platz in der Erinnerung.
Natürlich können wir das nicht so nebenbei erledigen. Das braucht Zeit, Besinnung und immer wieder das Gespräch über die Verstorbene.
Wenn ich mich nun unserer Hilda zuwende, um ihr ihren neuen Platz zuzuweisen, ihren Platz in unserer Erinnerung, dann kann ich das nur wie ein Tischler tun, der den Rahmen eines Bildes anfertigt: Wir alle aber müssen mit dem Pinsel der Erinnerung und der Farbe unserer Erfahrung unser lebendiges Bild der Verstorbenen malen und gestalten.
Vier Farben werden auf dem Lebensbild von Hilda wahrscheinlich dominant sein: Grau, Rot, Grün und Gelb.
Grau deswegen, weil Hilda in bescheidensten Verhältnissen zwei Jahre vor Beginn des 2. Weltkriegs in einer trostlosen, verhetzten Zeit zur Welt kam und von der angeblich schönsten Zeit im Leben – der Jugend - kaum etwas mitbekam; mehr noch: Sie musste mit 14 bereits zu Bauern, um dort hart mitzuarbeiten.
Mit 20 verliert sie ihre Mutter, mit 29 stirbt ihr geliebter Gatte Sepp nach nur 2 Jahren gemeinsamer Ehe und begonnenem Hausbau. Als ihr Vater, den sie genauso wie die Mutter und ihren Mann gepflegt hatte, stirbt, ist Hilda 31. Ab jetzt steht sie ganz alleine mit ihren kleinen, unmündigen Kindern, dem begonnenen Rohbau und einem Berg von Schulden da …
Die 2. dominierende Farbe von Hilda´s Lebensbild ist Rot – die Farbe der Liebe. Hilda lebte für ihre Kinder und deren Familien, die sie allesamt abgöttisch liebte.
Die dritte Farbe von Hildas Lebensbild ist Grün: Hilda war ein Naturmensch; sie liebte ihre Blumen, ihren Garten und ihre Tiere – die Hühner, Hasen, Katzen und natürlich ihr Pony – ihr KTM-Pony - mittels dem sie mit der Aussenwelt ihres geliebten, kleinen Mikrokosmos am Mursberg verbunden war.
Der Garten war für Hilda so etwas wie eine Kathedrale, da war sie dem Schöpfer nahe; er war ihr Kraftplatz, wo sie ihre Sorgen abschütteln konnte, wo sie ihren Kopf wieder ordnen konnte.
Grün aber auch deswegen, weil Hilda in den letzten Jahren mit Vorliebe kleine Ausflüge mit ihrer Tochter Elfriede unternahm oder zur einen oder anderen Busreise aufbrach; da lebte sie auf, da war sie selig …
Die vierte dominierende Farbe des Lebensbildes von Hilda Rammerstorfer ist schließlich Gelb, die Farbe der Freude, der Zufriedenheit und der Bescheidenheit. Hilda empfand es als große Genugtuung, alleine ihre 2 Kinder aufgezogen zu haben und ihr alleine fertiggestelltes Haus schuldenfrei übergeben zu können.
Ja, die Hilda war schon eine besondere Frau. Sie verfügte über einen gesunden Hausverstand, über eine große Menschenkenntnis und konnte sich trotz der unzähligen Schicksalschläge immer wieder aufs Neue motivieren.
Hilda konnte sich an banalen, kleinen Dingen überschwänglich und mit ganzem Herzen freuen; – an Blumen, an Tieren, an einem ehrlich gemeinten, freundlichen Wort, an einem guten Gespräch mit Freunden …
Sie war aber auch ein gläubiger Mensch – auch wenn sie nicht zu den Kerzerlschluckern zählte, nahm sie fast immer an der sonntäglichen Messe zumindest im Radio oder Fernsehen teil.
Und: Hilda konnte Berge versetzen, hatte ein unbändiges Vertrauen an ihre eigene Kraft, ihre Entschlossenheit, Unbeirrbarkeit, Hingabe. Sie wurde mit jedem Überwinden von Schicksalsschlägen noch stärker. Sie wollte sich partout nie dem „vorprogrammierten Schicksal“ ergeben, obwohl es ihr niemand hätte verdenken können.
Liebe Hilda!
Kaum fassbar, dass Dein Platz unter uns in Zukunft leer bleiben wird, dass wir deine Stimme nicht mehr hören können, dass wir dein freundliches Schmunzeln in deinem Gesicht nicht mehr sehen, dass wir dein Lachen nicht mehr hören und uns dein sonniges Gemüt nicht mehr in den Bann ziehen wird!
Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer die Trennung! Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Ein Leben voll Arbeit und Pflichterfüllung, getragen von der Liebe zu ihrer Familie und zu ihren Mitmenschen, hat durch den Heimgang in die Ewigkeit ein jähes Ende gefunden.
Eine Waldinger – eine Mursberger – Institution ist nicht mehr …
Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann, es steht in den Herzen der Mitmenschen …
Hilda, wir werden dich vermissen … !
Ruhe in Frieden!